Geheul für de Sade


Die ‘materielle Seite’ des Films ist lediglich von Tonbandaufnahmen getragen und von der leeren Leinwand, die während der fragmenthaften Vorführung eines ca. 20 minütigen, auf Tonband aufgezeichneten Dialoges weiß, und in den diese unterbrechenden, sich insgesamt zu einer Stunde addierenden Pausen ganz schwarz bleibt – und somit auch den Kinosaal „während dieser Zeitspanne des Schweigens“ (die 30 Sekunden, einigen Minuten, in der Schlußszene gar ganze 24 Minuten dauert) in völliger Dunkelheit ließ. Durch die Kombination von Textfragmenten auf der Tonspur mit der leeren, partiell schwarzen Leinwand im dunklen Raum wurden zugleich ein abstraktes, selbstreflexives und ein sehr konkretes Moment eingeführt. Der Text bestand aus Gesprächsfetzen, gängigen Phrasen, Gesetzestexten oder z.B. Erinnerungen an die LettristInnen.
»Geheul für Sade« als Film/Situation löst sich von jeglicher Form der filmischen Repräsentation und führt statt dessen die filmische Apparatur, das Dispositiv und den Prozeß der filmischen Darbietung und Wahrnehmung (in seiner Negation) selbst vor. Debords ‘Antikonzept’ eines Films war als filmisches Produkt überhaupt nicht mehr existent, es konstituierte sich erst mit und ausschließlich während seiner Vorführung. Das Publikum hatte bei der Vorführung am 30.5.1952 im Pariser ‚Kinoklub der Avantgard‘ somit Gelegenheit zur Antwort (die sich in lautstarkem Protest äußerte) oder zu anderen Aktivitäten in der konkreten Situation. Der Zuschauer wurde auf den aktuellen Präsentationskontext, den Vorgang seiner Konstitution in der Zeit, die als Realzeit wahrgenommen wird, und letztlich auf sich selbst zurückgeworfen. Abstraktion schlägt hier um in Selbstrepräsentation, an die Stelle der Repräsentation tritt die Wirklichkeit selbst.

Ein solcher Anti-Film wirkt nicht durch den kritischen Inhalt (wie z.B. das Verlesen eines Manifestes) sondern, durch die Herstellung eines Bruchs mit dem Medium und der unmittelbaren verbindung der menschen mit der Situation in der sie sich tatsächlich befinden. Dieser Bruch eröffnet Raum zur Reflexion und Kritik der Situation, ist jedoch keine Kritik der Situation selbst, keine Revolution. Debord betont dies immer wieder. Es geht den Situationisten um eine Ent-Täuschung im doppelten Sinne: Nicht nur die täuschenden und getäuschten Vorstellungen durch den falschen Schein, den die herrschenden Öffentlichkeiten (bei Debord ist es das "Spektakel"), wirkmächtig präsentiert und aufrechterhält, sondern auch jene Vorstellungen zur Überwindung des herrschenden Zustands, die illusionär, unzugänglich und in den systemimmanenten Formen verhaften bleiben.

Mehr zu Debord und der Situationistischen Internationale (SI):
  • Baumeister, Biene und Negator, Zwi (2005): Situationistische Revolutionstheorie. Vol. I und II. Schmetterling Verlag. www.theorie.org (sehr empfehlenswerte Einführung)
  • Debord, Guy: "Die Gesellschaft des Spektakels", eine der zentralsten Schriften der SI
  • alle Texte der SI (englisch), Auswahl (deutsch)


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